Evangelische Kirchengemeinde Hiesfeld - leben & erleben

Das Interview


* Moritz Aniola
* Brigitte Leinemann
* Claudia van Ravenswaay
* Dirk Niesbach

 

 

 

 

 

Corona und Abitur - Moritz Aniola

Vielen Dank, dass du dich für das Interview in unserem Gemeindebrief zur Verfügung gestellt hast.

Kannst du dich noch genau an den Zeitpunkt erinnern, als Corona für uns aktuell wurde?

Moritz Aniola:
Ich hatte an dem Freitag frei, als entschieden wurde, dass ich nicht mehr in die Schule darf. Ich hatte keinerlei Angst, aber war gespannt, wie es weitergeht.

Wie hast du die bisherige Coronazeit in deinem persönlichen Umfeld erlebt?

Moritz Aniola:
Mir ist die Erinnerung der Fernsehansprache von Frau Merkel noch gut in Erinnerung. Von dem Freitag an hatte ich zwei Wochen keinerlei Kontakt mit Freunden, ich war nur zu Hause oder arbeiten.

Nach den zwei Wochen musste ich mich selber mehr mit dem Abiturstoff auseinandersetzen. Ich habe mich mit einem Freund getroffen, der die Regeln auch zwei Wochen strikt eingehalten hat und mit ihm dann gelernt. Mit einem anderen Freund habe ich mich nur draußen und mit Abstand zum Lernen getroffen.

Zwei Wochen vor den Prüfungen (Anfang Mai) hatten wir wieder etwas Unterricht zur Vorbereitung auf die Abiturprüfungen. Dabei wurde es aber immer mehr, dass man nicht auf den Abstand geachtet hat. Nun hatte man in der Schule Kontakt und dann weitete sich der Kontakt schnell auch auf den Privatbereich aus.

Wie war die Zeit, als du nicht wusstest ob du die Abiturprüfung machen kannst oder nicht?

Moritz Aniola:
Es gab immer wieder Tage, an denen man nicht gelernt hat, weil ich nicht wusste, wie es weitergeht. Das war richtig schlimm, man konnte sich auf nichts verlassen.

Ab einem gewissen Zeitpunkt habe ich für mich entschieden, dass ich gedanklich die Abiturprüfung schreibe und mich dann auch entsprechend vorbereitet.

Im Hinterkopf war aber immer der Gedanke: vielleicht schreibe ich sie doch nicht. Das war dann auch schwer sich zu konzentrieren und zu lernen.

Wie war dann die Abiprüfung?

Moritz Aniola:
Das war sehr seltsam, wir haben mit ca. 40 Personen in der Aula die Prüfung geschrieben. Die Anspannung war stärker, da nichts normal war. Immer war die Maske dabei und musste getragen werden: wir, wenn wir den Raum verlassen mussten, der Lehrer die ganze Zeit.

Bei der mündlichen Prüfung saßen alle mit sehr großem Abstand, eine absurde Situation. Ich hatte immer drei Personen in verschiedenen Blickrichtigen sitzen.

Die Mottowoche, die Zulassungsfeier und die Abiturfeier fielen aus. Es gab eine Ersatzfeier in der Aula, da waren wir in 5 Gruppen mit jeweils 15 Personen eingeteilt. Jeder durfte nur seine Eltern mitnehmen. Es gab nur den Akt der Zeugnisübergabe und keinerlei Feierlichkeiten. Das ganz dauerte 40 Minuten. Es war gut, dass es etwas gab, schön war es nicht, es war einfach eine absurde Situation. Gut war, dass man mit den Eltern noch ein Foto machen konnte.

Wie sind deine Familie und deine Freunde damit umgegangen?

Moritz Aniola:
Es gab viele Diskussionen in der Familie über Absage oder Nicht-Absage. Mir wurde dadurch letztendlich klar, dass ich mich entscheiden muss und ich habe mich dazu entschieden so zu tun als ob ich die Prüfung haben werde.

Meine Familie hat mich immer unterstützt und mir den Freiraum und die Ruhe zum Lernen gegeben.

Wie ist deine Meinung zum Umgang in der Bevölkerung mit Corona?

Moritz Aniola:
Zu Beginn wurde gut damit umgegangen, die meisten Menschen haben sich an die Regeln gehalten. Mittlerweile ist das sehr schwammig geworden: beim Einkaufen wird z.B. nicht mehr der Abstand gehalten. Ich selber nehme mich auch nicht aus der Kritik: ich treffe mich auch mit meinen Freunden ohne Maske und ohne Abstand.

Hast du keine Angst dich oder die Familie zu infizieren?

Moritz Aniola:
Selber habe ich keine Angst vor Corona, ich habe keine Vorerkrankungen. Das schlechte Gewissen aber bleibt, insbesondere gegenüber anderen Menschen in der Gesellschaft.

Siehst du eine Wirkung der Coronazeit auf deinen Glauben? Hat sich dadurch etwas verändert?

Moritz Aniola:
Mein Glaube hat sich verringert, einerseits durch einen Freund der Familie, der sein ganzes Leben für Gott gearbeitet hat und nun krank geworden ist. Andererseits habe ich jetzt eine besondere Phase im Leben, ich habe das Gefühl mir wurde etwas Wichtiges durch Corona genommen: die lebendige Zeit vor und nach dem Abitur, wahrscheinlich mein Auslandsaufenthalt und die vielen schönen Partys mit Freunden. Ich kann derzeit nicht sagen, ob ich noch an Gott glaube.

Ist die Gemeinde attraktiv für dich?

Moritz Aniola:
Das ist in meinem Alter schon zu spät, entweder ist man in der Gemeinde aktiv oder nicht mehr. Der Zeitpunkt für eine mögliche Rückkehr ist erst in einem anderen Lebensabschnitt.

Für jüngere Menschen (bis 14 Jahre) ist es wichtig Gemeinschaft miteinander zu haben und da auch zu vermitteln, dass es nichts Außergewöhnliches ist, in der Gemeinde zu sein. Das sollte wieder Normalität werden.

Ich war 14 Jahre, als ich bei einer Jugendfreizeit dabei war. Das hat mir auch Spaß gemacht. Ich und zwei Freunde hätten Spaß gehabt weiter dabei zu sein, jedoch ist danach der Kontakt abgebrochen, es wurde der Anschluss verpasst, es fand keine Kontaktaufnahme mehr statt.
Es gibt ein allgemeines Imageproblem der Kirche bei Jugendlichen, ich kann nicht sagen warum, aber es ist so: man wird komisch angeschaut, wenn man sagt, dass man in der Kirche aktiv ist.

Was macht dir Mut, wenn du auf die kommende Zeit blickst?

Moritz Aniola:
Es beginnt trotzdem ein neuer Lebensabschnitt, den ich wahrnehmen werde. Ich fange an Bewerbungen zu schreiben und mich auf mein berufliches Leben vorzubereiten.

Hast du einen Wunsch für unsere Leserinnen und Leser?

Moritz Aniola:
Ich wünsche mir von Menschen, die nicht zu meiner Generation gehören, dass sie, bevor sie über uns urteilen, sich in unsere Situation versetzen. Ich wünsche allen Leserrinnen und Lesern, dass sie gesund bleiben und ihr Leben so gut wie möglich weiter genießen können.


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Corona im Alter - Brigitte Leinemann

Vielen Dank, dass Sie sich für das Interview in unserem Gemeindebrief zur Verfügung gestellt haben.

Wann war der Moment als Ihnen bewusst wurde, dass es mit Corona ernst wird?

Brigitte Leinemann:
Da ich die Nachrichten verfolge und Videotext lese, wusste ich schnell, worauf es ankam. Ich habe aber nicht gedacht, dass der Virus so lange andauert. Wenn ich die unvernünftigen Menschen sehe, die sich treffen, habe ich da kein Verständnis für, da ich auch gefährdet bin und ich möchte diese Krankheit nicht haben.

Wie haben Sie die Einschränkungen im öffentlichen Leben erlebt?

Brigitte Leinemann:
Da ich mich sowieso schlecht bewegen kann, war es für mich keine große Einschränkung. Ich habe Corona besonders gemerkt als ich viel alleine war, da mein Mann vor kurzem verstorben ist. In meiner tiefen Trauer hätte ich mich gefreut, wenn sich jemand aus der Gemeinde gekümmert hätte. Ich habe viele Jahre in der Frauenhilfe gearbeitet, und habe mich immer um Menschen gekümmert. Nach der Beerdigung kam leider kein Pfarrer zu einem Besuch zu mir. Die Schutzmaske zu tragen ist ungewohnt, ich halte es aber für notwendig. Wenn ich andere nicht anstecke ist das für mich in Ordnung eine Maske zu tragen. Ich kenne auch keine Personen, die sich dagegen sträuben.

Verstehen kann ich auch Menschen die sich darüber aufregen eine Maske tragen zu müssen, kein Verständnis habe ich für die Proteste.

Und wie war es im persönlichen Umfeld?

Brigitte Leinemann:
In meiner Familie habe ich stetig Kontakt, meine Tochter meldet sich jeden Tag. Sie kauft für mich ein und schaut, dass alles für mich gut läuft.

Im Freundeskreis habe ich telefonischen Kontakt, die Telefonate sind dann auch sehr lange... z.B. wenn ich mit Frau Gorn telefoniere schält sie Äpfel und ich quatsche sie zu. Dann fallen mir viele Worte und Sachen ein, die ich loswerden möchte. Ich bin ja alleine und dann ist das so. Ich bin froh, dass ich Freunde habe, mit denen ich telefonieren kann und die an mich denken.

Was war das einprägendste Erlebnis aus der bisherigen Corona Zeit?

Brigitte Leinemann:
Das alleine sein bereitet mir großen Kummer. Mittlerweile komme ich besser damit zurecht, aber der Anfang war sehr schwer. Ich hätte mir sehr Besuch gewünscht.

Mit meinem Mann war ich 57 Jahre verheiratet, er ist im Dezember gestorben. Ich bin sehr froh, dass mein Mann nun erlöst ist und er vor dem Ausbruch von Corona gestorben ist. Es war eine große Beerdigung mit Freunden und Bekannten und anschließender Nachfeier im Gemeindehaus, das wäre heute nicht mehr möglich und das finde ich sehr schlimm für die Hinterbliebenen.

Hat Ihnen Ihr Glaube in dieser Zeit Halt gegeben?

Brigitte Leinemann:
Ich bin von Kindheit an mit meinem Gott vertraut, auch wenn ich manchmal mit ihm schimpfe. Eine ganz Zeit lang konnte ich nicht sagen: "Herr dein Wille geschehe", weil mein Mann so leiden musste. Mittlerweile geht das wieder gut.

Ich bete jeden Tag zu Gott, meine Traurigkeit ist noch da, aber nicht mehr so verstärkt. Ich habe keine Not, mir geht es gut und mein Gott ist immer bei mir. Das Alleinsein macht mir sehr zu schaffen, da hilft mir mein Glaube.

Sehen Sie eine Wirkung der Coronazeit auf Ihren Glauben? Hat sich dadurch etwas verändert?

Brigitte Leinemann:
Nein, auch nicht durch den Tod meines Mannes. Der Glaube ist genauso stark wie vorher. Der wird sich auch nicht ändern, auch wenn ich manchmal mit Gott schimpfe. Das gehört eben dazu.

Welche Auswirkungen hat Corona auf unser Gemeindeleben? Hat sich etwas verändert? Haben Sie Vorschläge was besser gemacht werden kann?

Brigitte Leinemann:
Es hat sich alles verändert. Es findet nichts mehr statt. Man trifft sich nicht mehr.

Ich hätte mir wenigstens einen Rundbrief der Gemeinde oder einen Brief der Pfarrer gewünscht. Es kommt nichts bei mir an. Das Gemeindeleben liegt brach.

Das finde ich schlimm, keine Frauenhilfe findet mehr statt. Mit Abstand könnte man sich im großen Gemeindesaal treffen. Die Kontakte fehlen, einfach nur im Kreis sitzen und erzählen.

Gruppen könnten mit Abstand wieder stattfinden, Gemeindebrief oder Rundbriefe der Pfarrer für Ihre Gemeindeglieder, irgendein Lebenszeichen der Gemeinde wäre schön.

Haben Sie einen Wunsch für unsere Leserinnen und Leser?

Brigitte Leinemann:
Ich wünsche, dass alle gesund bleiben und eine große Portion Gottvertrauen. Ich freue mich auf jeden, den ich nach Corona wiedersehe, im Dorf oder sonstwo.


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Corona in der Pflege - Claudia van Ravenswaay

Vielen Dank, dass du dich für das Interview in unserem Gemeindebrief zur Verfügung gestellt hast.

Wie hast du die bisherige Coronazeit in deinem persönlichen Umfeld erlebt?

Claudia van Ravenswaay;
Zunächst habe ich die Coronazeit als enttäuschend wahrgenommen, da wir am 16. März eine Ski-Reise mit der ganzen Familie nach Österreich geplant hatten. Zwei Tage vor der Abreise haben wir dann die Absage bekommen. Wir waren zu Beginn doch alle sehr traurig, doch nach den sehr bedrückenden und beängstigenden Bildern aus Italien und Österreich waren wir doch froh, dass wir alle gesund zu Hause bleiben durften.

Ein anderes trauriges Erlebnis war, dass ich einen lieben Menschen verloren habe, von dem ich mich nicht verabschieden konnte, da ich durch die Corona-Beschränkungen nicht nach Holland zur Beerdigung fahren durfte.

Du arbeitest im Pflegebereich eines Krankenhauses, kannst du uns von der Situation in den vergangenen Monaten berichten?

Claudia van Ravenswaay:
Die Situation im Krankenhaus habe ich als sehr strukturiert wahrgenommen. Zu Beginn der Pandemie wurden freiwillige Mitarbeiter gesucht, welche auf der neu eingerichteten Corona-Station arbeiten sollten. Die Schutzkleidung wurde an einem zentralen Ort verwaltet. In der Zentralen Notaufnahme wurden Patienten mit Corona-ähnlichen Symptomen getestet und bis zum Ergebnis isoliert. Mittlerweile ist etwas wie eine Routine eingekehrt. Die Maskenpflicht wurde im gesamten Klinikum eingeführt und in den Zimmern wird versucht die Abstandsregeln einzuhalten. Anstatt Dreibett-Zimmer gibt es jetzt nur noch Zweibett-Zimmer. Auch die Besuchszeiten sind eingeschränkt worden. Des weiteren wird dreimal täglich Fieber gemessen um mögliche Infektionen schnell zu erkennen.

Hattest du persönlich Angst im Krankenhaus zu arbeiten?

Claudia van Ravenswaay:
Ich hatte zu keinem Zeitpunkt Angst arbeiten zu gehen. Ich hatte nur ein mulmiges Gefühl, da es zunächst keine Maskenpflicht gab und ich der Überzeugung war, dass dies einen gewissen Schutz sowohl bei Patienten als auch beim Pflegepersonal bieten würde. Dies ist auch der Grund, warum ich sofort damit angefangen habe beim Arbeiten eine Stoffmaske zu tragen.

Wie sind deine Familie und deine Freunde damit umgegangen?

Claudia van Ravenswaay:
Meine Familie und Freunde haben sich schon ein wenig Sorgen um mich gemacht, eine liebe Freundin hat mir Masken gebracht und eine andere hat mir welche genäht. Da ich aber relativ entspannt war, denke ich, dass sich die Sorgen im Rahmen hielten.

Gab es ein Erlebnis im Rahmen deiner Arbeit, was dich nachhaltig bewegt hat?

Claudia van Ravenswaay:
Sehr bewegt hat mich die Situation eines älteren Ehepaares. Die Ehefrau war aufgrund eines Sturzes im Krankenhaus. Da der Ehemann sie nicht besuchen durfte, rief er jeden Tag weinend an, um sich nach ihr zu erkundigen. Auch seine Frau hat unter der Situation sehr gelitten.

Wie ist deine Meinung zum Umgang in der Bevölkerung mit Corona?

Claudia van Ravenswaay:
Zu Beginn fand ich, dass die meisten Leute verantwortungsvoll mit der Situation umgehen. Inzwischen mache ich mir jedoch Gedanken um die momentane Sorglosigkeit, da die Situation schon fast zur Normalität geworden ist.

Siehst du eine Wirkung der Coronazeit auf deinen Glauben? Hat sich dadurch etwas verändert?

Claudia van Ravenswaay:
Verändert har ich dadurch meinen Glauben nicht, trotzdem habe ich es als eine sehr besondere Zeit empfunden. Sehr tröstlich finde ich das Glockenläuten um 19:30 Uhr. Trotz des Kontaktverbots und der doch befremdlichen Situation hatte ich durch meine Kirchengruppen in sozialen Medien nicht das Gefühl alleine zu sein, da wir dort abends zusammen gebetet haben und uns Aufnahmen vom Glockenläuten der Dorfkirche und Bilder von angezündeten Kerzen geschickt haben.

Welche Auswirkung hat Corona auf unser Gemeindeleben? Hat sich dort etwas verändert?

Claudia van Ravenswaay:
Ja, ich finde, dass sich sehr viel verändert hat. Vor allem fehlen mir die gemeinschaftlichen Gottesdienste mit Singen und Beten. Die Videoandachten sind in der gegebenen Situation eine schöne Lösung, jedoch fehlt mir die Gemeinschaft.

Was macht dir Mut, wenn du auf die kommende Zeit blickst?

Claudia van Ravenswaay:
Mir macht Mut, dass doch sicher bald ein Impfstoff gefunden wird, auch wenn dies vielleicht noch etwas länger dauert. Ich bin dankbar, dass wir in einem sicheren Land mit guter medizinischer Versorgung leben und ich finde auch, dass die Politik in der Coronazeit verantwortungsvoll gehandelt hat (bis auf das Versäumnis der Vorratshaltung der Schutzkleidung).

Hast du einen Wunsch für unsere Leserinnen und Leser?

Claudia van Ravenswaay:
Ich wünsche mir, dass die besondere Ruhe, Entspannung und das Zusammengehörigkeitsgefühl sowie die Hilfsbereitschaft erhalten bleiben.


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Corona und Sterben - Dirk Niesbach

Vielen Dank, dass du dich für das nicht leichte Interview in unserem Gemeindebrief zur Verfügung gestellt hast.

Wie hast du die bisherige Coronazeit erlebt?

Dirk Niesbach:
Es gab unterschiedliche Situationen, einmal mit meiner Mutter: sie war erst zu Hause, dann kam sie ins Krankenhaus, wechselte in die Kurzzeitpflege und bekam dann einen festen Pflegeplatz. Meine berufliche Situation mir Shutdown und Kurzarbeit, man merkte, es geht nicht gut aus. Dann die Gemeinde, in der es gefühlt zum Stillstand kam und nicht zuletzt das private Umfeld, wo die persönlichen Kontakte sehr überschaubar wurden, nur noch telefonisch stattfanden.

Deiner Mutter ging es zum Ausbruch der Seuche nicht gut, magst du uns die Situation beschreiben?

Dirk Niesbach:
Meine Mutter kam ins Krankenhaus, man stellte Lungenkrebs fest. Der allgemeine Zustand war nicht gut, sie wurde dann als palliativ eingestuft. Mit dieser Diagnose kam sie zurück in das Pflegeheim.

Was war das für ein Gefühl, dass du deine Mutter vor ihrem Tod wohl nicht mehr sehen durftest?

Dirk Niesbach:
Wir kommen nicht mehr zu ihr hin, das war ein schlimmes und beklemmendes Gefühl. Wie fühlte sich meine Mutter selber, als wir alle nicht mehr zu ihr kamen? Ich hatte das Gefühl sie ausgesetzt zu haben. Für mich selber war es auch sehr schlimm, dass wir uns nicht mehr austauschen konnten.

Wir haben dann die Möglichkeit erhalten Videobotschaften auszutauschen. Ich habe Botschaften aufgenommen und eine Pflegekraft hat Botschaften von meiner Mutter für mich aufgenommen. Das war für mich sehr tröstlich. Ich konnte meine Mutter sehen und hören. Sie hat meinen Namen gesagt und in die Kamera gewunken. Für mich war es wichtig, dass meine Mutter das Gefühl hatte, wir haben sie nicht vergessen.

Aufgrund der palliativen Einstufung konnte dann eine Person eine Stunde am Tag meine Mutter besuchen. Wir hatten vollkommene Schutzkleidung an: Maske, Kittel usw.. Wir konnten dann miteinander sprechen, ich habe auch meiner Mutter, obwohl es nicht gewünscht war, die Hand gehalten.

Im Rahmen von Corona war es ein würdiger Abschied. Das Pflegeheim war sehr bemüht und einfühlsam. Vor ihrem Tod hat sie ihre Kinder und das Enkelkind dadurch nochmal sehen dürfen.

Die Beerdigung war anders als ich es bisher kannte: ein sehr kleiner Kreis von 10 Personen, der Sarg wurde draußen aufgebahrt, da die Kapelle geschlossen war. Es gab keine Orgelspiel, alles auf Abstand, keine Umarmungen, nichts. Es war nicht die Beerdigung, die ich mir als Abschied von meiner Mutter gewünscht hätte. Sie wurde aber, im Rahmen der Möglichkeiten zu Corona-Zeiten, vom Pfarrer einfühlsam und persönlich gestaltet, wir fühlten uns aufgehoben. Es gab auch keinen Nachkaffee, wir sind nach der Beerdigung alle einfach wieder auseinandergegangen.

Wie sind deine Familie und deine Freunde damit umgegangen?

Dirk Niesbach:
Es war für alle sehr schwer. Durch Freunde und meine Familie wurde ich gestützt: durch Gespräche und Anteilnahme, auch meine Arbeitskollegen waren sehr nah bei mir.

Wie geht es dir heute?

Dirk Niesbach:
Ich bin in meinem ersten Urlaub im Westerwald nach Ausbruch von Corona. Jetzt habe ich den Kopf frei. Ich vermisse meine Mutter sehr, aber die langen Sorgen um sie sind weg. Eine andere Freiheit.

Kannst du anderen Menschen einen Rat geben, wie man mit solch einer schwierigen Situation umgeht?

Dirk Niesbach:
Für die Situation im Pflegeheim: nicht locker lassen, auch wenn man keinen kennt, immer fragen und seine Sorgen mitteilen. Einfach reden, was einem ein Bedürfnis ist.

Ich weiß, dass du auch von den wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Seuche betroffen bist. Möchtest du uns dazu etwas erzählen?

Dirk Niesbach:
Meine Filiale, in der ich in Düsseldorf arbeite, soll zum 31.10.2020 geschlossen werden. Es finden aber noch Verhandlungen statt. Ich habe Angst vor der Arbeitslosigkeit, weil ich 53 Jahre alt bin und noch nie arbeitslos war. Ich arbeite in der Filiale seit 27 Jahren. Ein schwierige Situation, wenn ich nicht weiß, wie es weitergeht.

Wie ist deine Meinung zum Umgang in der Bevölkerung mit Corona?

Dirk Niesbach:
Im Alltag erlebe ich viele Grundsatzdiskussionen, es wird meiner Meinung nach zu viel diskutiert. Es gibt eine Maskenpflicht usw., darüber muss man nicht diskutieren. Es sind Vorschriften, an die man sich zum Schutz anderer und zum eigenen Schutz halten muss. Viele scheinen nicht begriffen zu haben, wie ernst die Situation ist. Man kann oft schon von Fahrlässigkeit sprechen, ich denke da z.B. an den "Ballermann-Tourismus". Das ärgert mich. Viele wünschen sich wieder Großveranstaltungen wie z.B. Karneval, Volksfeste oder Sportveranstaltungen, doch dieser Wunsch nach Freiheiten trübt bei vielen Menschen den Blick auf die Realität. Die aktuell wieder steigenden Infektionszahlen scheinen ausgeblendet zu werden. Wir sind nicht am Ende der Krise, wir sind mittendrin.

Siehst du eine Wirkung der Coronazeit auf deinen Glauben? Hat sich dadurch etwas verändert?

Dirk Niesbach:
Ich fühle mich in meinem Glauben bestätigt. Das was alles passiert, lässt mich nicht zweifeln. Ich fühle mich von Gott getragen, er lässt mich nicht alleine, ob es mir gut geht oder nicht gut geht, er ist immer bei mir. Darauf vertraue ich.

Welche Auswirkung hat Corona auf unser Gemeindeleben? Hat sich dort etwas verändert?

Dirk Niesbach:
Die persönlichen Begegnungen finden nicht mehr statt, alles ist zum Erliegen gekommen. Das fehlt den Menschen. Mein letzter Katechumenengottesdienst fand im Februar statt, die Konfirmationen liegen auf Eis. Es belastet mich auch, ich habe die Angst, dass vieles verloren geht. Die Online-Gottesdienste sind eine Bereicherung, es sind aber keine Präsenzgottesdienste.

Es entstehen neue Formen. Wir erreichen mit unserer Botschaft online viel viel mehr Menschen als mit den Präsenzgottesdiensten. Die Online-Gottesdienste sind aus der Not entstanden und haben viel Gutes bewirkt.

Was nehmen wir mit in die Zeit nach Corona?

Dirk Niesbach:
Ich denke auch an Weihnachten: Weihnachten ohne Gottesdienst ist für mich nicht vorstellbar, ich brauche die Kirche, den Gottesdienst, die Verlesung der Weihnachtsbotschaft, den Weihnachtsbaum in der Dorfkirche und die Menschen nach dem Gottesdienst. Wir müssen Wege finden und kreativ sein, wie wir die Menschen Weihnachten erreichen können. Online-Gottesdienste können die Predigtstätten am Heiligen Abend nach Hause in die Familien bringen.


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