Evangelische Kirchengemeinde Hiesfeld - leben & erleben

Das Interview


Quinton Ceasar ist seit dem 1. Mai 2016 als Pfarrer zur Anstellung in unserer Gemeinde tätig und wird nach seiner Ordination am 18. Juni 2017 ab dem 1. Juli 2017 die Pfarrstelle für den 3. Pfarrbezirk übernehmen. Er stand dem Presbyteriumsvorsitzenden, Martin Pieper, in einem Interview Rede und Antwort:


Quinton Ceasar im Gespräch mit Martin Pieper

Deine Wurzeln liegen in Südafrika. Kannst Du uns etwas au Deiner Heimat erzählen?

Quinton Ceasar:
Südafrika ist ein Land der Gegensätze. Es ist unvergleichbar schön, aber gleichzeitig haben nicht alle Südafrikaner die Chance, diese Schönheit und den Überfluss der Natur zu genießen. Das macht mich traurig und lässt mich oft zweifelnd zurück. Als Theologe und aus meinem Glauben heraus weiß ich, dass das, was wir in der christlichen Tradition Nächstenliebe nennen, sich im öffentlichen Leben unbedingt in Form sozialer Gerechtigkeit zeigen muss. Und da bin ich für Stimmen wie die des ehemaligen südafrikanischen Erzbischofs Desmond Tutu und vieler anderer sehr dankbar, die eben gerade diese Wahrheit kundtun. Wir müssen in Südafrika und auch hier in Deutschland in der Nachfolge Jesu den Mächtigen gegenüber die Wahrheit aussprechen. We must speak truth to power.

Wie bist Du auf die Idee gekommen, Pfarrer zu werden?

Quinton Ceasar:
Während meiner Konfirmandenzeit, da war ich so 15 oder 16 Jahre alt, habe ich mich dazu berufen gefühlt. Ich habe sehr früh in meinem Leben gelernt, dass Glaube unbedingt etwas mit dem alltäglichen Leben zu tun haben muss. Glaube muss lebensbejahend und bereichernd sein, in guten und in schweren Zeiten. Im Pfarramt sah ich die Möglichkeit, meinen eigenen Glauben zu bestärken und gleichzeitig Gottes gute Nachricht von Erbarmen und bedingungsloser Liebe weiterzuerzählen.

Was macht Deinen Glauben aus?

Quinton Ceasar:
Dass Gott uns, jeden und jede von uns, dazu ruft, das zu sein, was wir schon sind, nämlich: Gottes geliebte Kinder. In unserer Vielfalt und Verschiedenheit sind wir nach Gottes Bild erschaffen. Er liebt uns und findet uns dort, wo wir sind und wie wir sind. Denn, wie Desmond Tutu sagt, ist Gott nicht nur im Spektakulären oder an besonderen Orten und Ereignissen zu finden. Gott ist eben im ganz Gewöhnlichen und an unerwarteten oder unwahrscheinlichen Orten und Menschen zu finden. In Gestalt eines Babys. In einer Krippe. An einem Kreuz. Deshalb ist mir wichtig, meine Augen für solche Momente, Orte und Personen offen zu halten. Man weiß ja nie, mit wem man da gerade zu tun hat… Matthäus 25 lässt grüßen.

Warum bist Du nach Deutschland gekommen?

Quinton Ceasar:
Ich lernte meine Frau Eva 2005 beim Theologiestudium an der Stellenbosch Universität in Südafrika kennen und lieben. Während sie zwei Masterstudiengänge und ich meinen Bachelorabschluss und mein Vikariat absolvierte, wussten wir, dass wir... wegen der Liebe und so... unsere gemeinsame Geschichte gerne weiterführen wollen. Ich bin dann darauf aufmerksam geworden, dass an der Berliner Humboldt-Universität ein Internationaler Masterstudiengang Religion und Kultur eingerichtet wurde. Mit einem Studienstipendium des (damals noch) Diakonischen Werkes der EKD und der geistlichen Unterstützung meiner Heimatkirche, der Uniting Reformed Church in Southern Africa (URCSA), konnte das Abenteuer losgehen.

Wie sah Deine bisherige Zeit in Deutschland aus? Wo waren Deine Stationen?

Quinton Ceasar:
Ende 2007 bin ich in Berlin angekommen. In den ersten Monaten habe ich an der Technischen Universität Berlin ausschließlich Deutsch gelernt. Danach konnte ich mein Studium im Rahmen des Masterstudiengangs an der Theologischen Fakultät aufnehmen. In dieser Zeit habe ich auch ein mehrmonatiges Gemeindepraktikum in der Evangelischen Kirchengemeinde Prenzlauer Berg Nord unter der Anleitung des von mir sehr hoch geschätzten Pfarrers Seidenschnur gemacht. Eine sehr lehrreiche Zeit insgesamt und ein erster Blick hinter die Kulissen evangelischen Gemeindelebens in Deutschland.

Worin besteht der Unterschied zwischen einem südafrikanischen und einem deutschen Gottesdienst?

Quinton Ceasar:
Da ich in der reformierten Tradition aufwuchs, sind die Unterschiede überraschend überschaubar. Der Wechsel in die Evangelische Kirche im Rheinland, die ja eine unierte Kirche ist (die sowohl die lutherische als auch die reformierte Tradition vereint), fiel mir daher überraschend leicht.
Bei uns in Südafrika dauern die Sonntagsgottesdienste aber in der Regel länger als hier zulande. Zwei, drei Stunden sind keine Seltenheit… Im Gottesdienst kommt die Gemeinde zusammen. Die Leute machen sich chic. Für viele ist der sonntägliche Gottesdienst eine willkommene Abwechslung zum Alltag, und viele nehmen dieses Ritual sehr ernst.
Im Gemeindeleben gibt es viele Ehrenamtliche. Sie engagieren sich für Fundraisung-Aktionen, die Gottesdienste, den Bereich der Musik und für die weniger Begünstigten in der Gemeinde.
Wir beginnen unsere Zusammenkünfte meist mit Praise & Worship (Preis- und Lobgesänge), damit wir vor dem Start des "eigentlichen" Gottesdienstes schon mal warm gesungen sind. Aber das ist auch von Gemeinde zu Gemeinde anders, wie auch hier in Deutschland.

Möchtest Du uns etwas über Deine Familie erzählen, die Dich begleitet?

Quinton Ceasar:
Zu mir gehören meine Frau Eva und unsere drei Kinder Noomi (4), Elia (7) und Samuel (7). Eva absolviert gerade ihr Vikariat in der Ev. Kirchengemeinde Holten-Sterkrade. Elia und Samuel gehen seit Sommer 2016 in die erste Klasse und Noomi geht noch in den Kindergarten. Bei uns Zuhause ist immer was oder wer los. Never a dull moment. Zuhause sprechen wir Deutsch, Afrikaans und Englisch. So verständigen wir uns untereinander und auch am Telefon mit allen Familienmitgliedern hier in Deutschland und in Südafrika.

Nun bist Du in unserer Kirchengemeinde angekommen. Welche Erfahrungen hast Du bisher mit den Menschen in Hiesfeld gemacht?

Quinton Ceasar:
Es ist sehr viel los hier in Hiesfeld. Und das freut mich. Die Leute interessieren sich sehr für die Arbeit in der Gemeinde. Und so konnte ich in den zahlreichen Gesprächen, die ich bislang führte, sei es beim Einkaufen oder nach Ablauf des Gottesdienstes, bei Tauf- oder Trauergesprächen, oder einfach so, sehr viel über das erfahren, was die Leute von Hiesfeld bewegt und in Bewegung setzt. Ich habe die Hoffnungs- und Schattenerfahrungen vieler Familien schon miterleben dürfen, und das rührt mich an. Und so glaube ich, dass Gott mich und meine Familie in diesem Moment in unserem Leben nach Hiesfeld ruft.
Ich bin auch auf sehr viel Offenheit gestoßen und natürlich auch auf Interesse an meiner Person. Und es freut mich auch, wenn beim Einkaufen in der Schlange hinter mir ein Junge aufgeregt und freudig zu einem anderen sagt - während sie sich etwas Süßes im Laden holen: "Hey, das ist unser Pfarrer."

Welche Schwerpunkte möchtest Du in Deiner Arbeit setzen?

Quinton Ceasar:
Ich sehne mich nach einer authentischen öffentlichen Kirche und Gemeinde, in der Inhalt und Gefühl existenzieller Erfahrung zusammenfallen. Unsere Kirche und unsere Gemeinde soll als Türöffner für ein erfülltes Leben in der modernen Welt dienen. Und so möchte ich mich - gemeinsam mit dem Presbyterium, den Gemeindemitgliedern und dem Pfarrteam - ganz auf das Wort Gottes besinnen, alte Wege ausbauen und stärken, und gleichzeitig neue Wege gehen. Ich möchte Neues ausprobieren, ohne Angst vor dem Scheitern.
Wir müssen uns als Gemeinde dahin auf den Weg machen, wie auch vom EKD-Ratsvorsitzenden Bedford-Strohm befürwortet, wo in der modernen Lebenswelt die Fragen, die Sehnsüchte, die Inhalte sind. Die müssen wir mit den biblischen Texten und unseren Glaubensinhalten, die mit der Tradition weitergegeben worden sind, ins Gespräch bringen. Das schließt für mich auch den interreligiösen Dialog ein, ja, gerade jetzt.

Du wirst mit Deiner Familie in das Pfarrhaus auf der Kurt-Schumacher-Straße einziehen. Was bedeutet es für Dich, in einem Pfarrhaus zu wohnen?

Quinton Ceasar:
Ich denke, dass aus dem Gespräch bis jetzt bereits deutlich geworden ist, welches Pfarrbild ich vertrete. Dem entspricht auch die Art und Weise, wie ich mit meiner Familie ein Pfarrhaus mit Leben füllen möchte. Ich kann mir sehr gut vorstellen, in Hiesfeld in einem Pfarrhaus zu leben. Und ein gewisser Teil an Öffentlichkeitsarbeit, der damit einhergeht, ist für mich und meine Familie selbstverständlich. Ich möchte bewusst ansprechbar sein, Anlaufstelle vor Ort. Im Pfarrhaus ist eben Pfarrbüro und Privatleben nah beieinander und untrennbar verbunden. Allerdings wäre das Pfarrhaus auch privater Lebensraum und Rückzugsraum für mich und meine Familie, was für die Gesundheit und Arbeitsfähigkeit langfristig auch überlebenswichtig ist, wie es jeder Mensch braucht.

Wobei erholst Du Dich, um neue Kraft zu tanken?

Quinton Ceasar:
Im Alltag höre ich gerne Musik aller Art, abhängig davon, wie ich mich gerade fühle. Von Rap bis Klassik ist alles dabei. Dabei tanzen ich und meine Familie gerne im Haus umher. Es befreit und versetzt einen in einen Zustand, wo man einfach Mensch sein kann. Ich höre auch gerne Podcasts zu sehr unterschiedlichen politischen und kulturellen Themen. Und manchmal tut Nichtstun auch einfach gut: auf der Couch sitzen und auf den Garten schauen. Zeit zum Durchatmen.

Wo verbringst Du Deinen Urlaub am liebsten?

Quinton Ceasar:
Am liebsten zu Hause in Südafrika, aber das schaffen wir nur unregelmäßig. Deshalb fahren wir sehr gerne, wie viele Hiesfelder auch, an die Nordsee. Meine Schwiegereltern wohnen im Landkreis Cuxhaven. Somit haben wir beides, family time und Urlaub. Besser kann es eben nicht laufen. Matjesbrötchen und eine leckere Erbsensuppe am Wremer Kutterhafen dürfen dann nicht fehlen!

Hast Du auch Hobbies?

Quinton Ceasar:
Ja, ich lese gerne Bücher aus Südafrika und andere afrikanische Literatur. In Berlin habe ich gerne Hallenfußball gespielt und hoffe auch in Hiesfeld und Umgebung sehr bald Anschluss zu finden. Ansonsten spiele ich mit meinen Kindern gerne Fußball, Rugby oder Cricket im Garten. Oder Domino, ein Spiel, das auch in Südafrika sehr beliebt ist. Ansonsten grille ich wie alle Südafrikaner sehr gerne. Wir nennen das Braai.

Am 30. Juli 2017 ist Deine offizielle Einführung als Pfarrer unserer Gemeinde. Hast Du bestimmte Erwartungen und Wünsche?

Quinton Ceasar:
Da ich schon seit Mai 2016 hier in Hiesfeld unterwegs bin, habe ich mir schon einen ersten Einblick in das Leben dieser Gemeinde verschaffen können. Zusammen mit dem Presbyterium, dem Jugendleiter und meinen beiden Pfarrkollegen haben wir damit begonnen, an einem neuen Gemeindekonzept zu arbeiten. Dementsprechend sind meine Erwartungen und Wünsche schon in die bis jetzt geführten Gespräche und Prozesse eingeflossen.
Ich erwarte, dass Gott uns als Gemeinde in diesem Prozess segnen wird und uns auch Mut einhauchen wird, wo es nötig ist. Ich persönlich wünsche mir eine Gemeinde, in der Vertrautes sinnvoll gestärkt wird, aber auch Altersgruppen und Personen, die bislang noch keine dauerhafte Bleibe im Gemeindealltag gefunden haben, eben diese finden. Ich glaube, dass wir in Hiesfeld ein großartiges Team aus haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden haben, mit sehr unterschiedlichen Stärken und Gaben. Wenn wir alle diese Gaben gut zur Geltung bringen, können wir sicher als eine Gemeinde leben, in der sich viele wohl und angenommen fühlen.

Möchtest Du unseren Gemeindegliedern noch etwas mit auf den Weg geben?

Quinton Ceasar:
Viel zu häufig sehen wir uns selbst als Handelnde. Viele von uns haben das Gefühl, dass wir in Endlosschleifen an etwas arbeiten und irgendwas erreichen müssen. Und, nach Desmond Tutu, haben wir leider nicht gelernt, einfach in der Gegenwart Gottes zu sein. Still. Verfügbar. Wo Gott einfach Gott sein kann.
Ich bin zutiefst dankbar für die Momente in meinem Leben, in denen ich versuche, ruhig zu sein. In denen ich versuche, Anteil zu haben an der göttlichen Gelassenheit. Diese Zeiten mit Gott sind mir sehr wichtig, denn durch diese Zeiten fühle ich mich gestärkt und werde fähig, auf das zu hören, was Gott sagt. Und ich kann nach Lösungen suchen für Probleme, die vielleicht unlösbar scheinen. Ich glaube, dass wir alle solche Zeiten brauchen, da die Alltagsgeräusche in unserem Leben es eben oft sehr schwer machen, Gottes Stimme zu hören. Ich wünsche unseren Gemeindegliedern viele solche Momente, in denen es gelingt, Anteil an der göttlichen Gelassenheit zu haben.

Vielen Dank für das interessante und offene Gespräch. Ich wünsche Dir für Deine Tätigkeit in unserer Gemeinde Gottes Segen!




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